"n"-, "u"- und "c"-Stellung - Gedanken zu den Kolbenclips
Verfasst: 14.05.2021, 22:44
Liebe Heinkel-Gemeinde,
es ist schon etwas her, da wurde hier im Forum in einem anderen Diskussionsfaden unter anderem der Frage nachgegangen, wie die Kolbenclips oder Federringe am oberen Pleuellager einzubauen sind (dieser Faden ist hier zu finden: viewtopic.php?f=1&t=3099&start=40 ). Die Antwort auf die Frage lautet: Sie sind in „n“- oder auch in „u“-Stellung einzubauen, jedoch nicht in „c“-Stellung. Siehe Bild 1. Aus rein qualitativen Überlegungen lässt sich schnell verstehen, dass das auch einen Sinn ergibt. Die Kräfte, die durch die Kolbenbeschleunigung auf den Federring wirken, sind parallel zur Kolbenbewegung und können so am Federring am besten angreifen und diesen verformen, wenn er in „c“-Stellung eingebaut wird. Oder anders gesagt: In dieser Anordnung wirken die Beschleunigungskräfte parallel zu der Kraft, die man mit einer Zange ausübt, um den Ring zusammenzudrücken.
Also eigentlich ist der ganzen Diskussion nichts mehr hinzuzufügen. Federringe sind in „n“- oder „u“-Stellung einzubauen. Punkt. Aber ich habe „eigentlich“ geschrieben. Und das meine ich auch so. Denn: Was machen all die, die nicht wissen, in welcher Stellung die Federringe in ihren Motoren stehen? Manche von uns haben ihren Motor womöglich nie selbst geöffnet. Manche haben vielleicht nicht bewusst auf die Stellung der Ringe beim Zusammenbau geachtet, auch wenn sie sich penibel an die Montageanleitung gehalten haben. Denn da steht nur:
Von einer Vorzugsrichtung steht da nichts. Natürlich ist es möglich, dass die Sache mit der Stellung der Federringe jedem Motoreninstandsetzer – ob nun Profi oder Amateur – auf der Welt bekannt ist. Dass es also eine absolute Binsenweisheit ist. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass das so ist.
Aber zunächst kommt hier mein persönlicher Grund, warum ich über dieses Thema überhaupt nachgedacht habe: Ich habe zwei Heinkel im Fuhrpark. Bei einem weiß ich, dass die Federringe in „n“-Stellung eingebaut sind, das habe ich so bei der letzten Motorrevision gemacht. Allerdings mal ganz ehrlich: Ich fand es einfach so am Schönsten – über die Kräfte habe ich zum Zeitpunkt der Montage nicht nachgedacht. Glück ist also möglich. Aber beim zweiten Motor weiß ich das nicht, ich habe ihn nicht revidiert und seine Geschichte ist mir nicht im Detail bekannt. Ich weiß nicht, wie die Ringe stehen. Nachdem ich nun den oben genannten Diskussionsfaden gelesen habe und mir auch klar wurde, dass es handfeste physikalische Gründe gibt, die „c“-Stellung zu meiden, habe ich mir Gedanken gemacht, was ich nun tun solle. Soll ich den Motor öffnen und nachschauen? Oder ihn zulassen und hoffen, dass alles gut geht? Fahre ich dann womöglich mit einer tickenden Zeitbombe umher? Um zunächst das Öffnen und Nachschauen zu umgehen, habe ich versucht der Sache theoretisch, also rechnerisch, zu Leibe zu rücken. Und nachdem ich damit fertig war, dachte ich mir: Das könnte ja auch andere Heinkel-Fahrerinnen und Heinkel-Fahrer interessieren, daher schreibe ich heute diesen Post. Die umfassenden Rechnungen und grundlegenden Überlegungen zu diesem Problem findet Ihr im Anhang. Hier will ich nur den Ansatz und die Ergebnisse skizzieren.
Die Idee ist folgende: Zunächst wird mit einer geeigneten – nun, nennen wir sie großspurig – „Messvorrichtung“, die Kraft bestimmt, die nötig ist, den vorgespannten Federring im Kolben zu verformen. Siehe dazu Bild 2. Wir werden dann im weiteren Verlauf der Überlegungen sehen, dass nicht die gemessene Kraft die interessante Größe ist, sondern das Drehmoment um den Punkt D, welches durch diese Kraft entsteht. Siehe Bild 3. Details dazu auch im Anhang.
Dann folgt der zweite Teil der Überlegung: Aus der Motorgeometrie und der maximalen Drehzahl wird die Kolbenbeschleunigung berechnet. Mit dieser Beschleunigung und mit den physischen Daten des Federrings (Masse, Größe und Geometrie), lässt sich dann die Kraft oder eben genauer das Drehmoment um den Punkt D im Betrieb des Motors berechnen. Dann werden die beiden Werte (aus statischer Messung und aus der Berechnung über die Kolbenbeschleunigung) verglichen und Rückschlüsse gezogen.
Da das Ganze hier kein Krimi werden soll, will ich Euch gar nicht lange auf die Folter spannen.
In Bild 3 seht Ihr den Federring. Die wichtige Größe, die den Ring verformt, ist das Drehmoment um den Punkt D. Das sieht man auch an der Verformung des Ringes.
Statisch mit der Messvorrichtung ergibt sich hier ein Drehmoment um den Punkt D von M_s = F_s * k = 21,6 N * 0,013 m = 0,28 Nm.
Die maximale Kolbenbeschleunigung bei 6000 U/min ergibt sich a_max = 15799 m/s^2. Mit der Geometrie des Ringes und seiner Masse ergibt sich dann rechnerisch ein Drehmoment um den Punkt D von M_d = 0,062 Nm.
Vergleich der beiden Werte: Das Drehmoment M_d durch die Kolbenbeschleunigung ist also weniger als 1/4 so groß, wie das statisch bestimmte Drehmoment M_s.
Was heißt das nun? Das heißt, dass die Kolbenbeschleunigung den Federringen in unseren Heinkel-Maschinen an sich nichts anhaben kann, egal wie sie eingebaut sind. Der Ring – so er in „c“-Stellung eingebaut ist – verliert zwar ein wenig an Vorspannung, aber verformt wird es nicht. Er bewegt sich nicht, bleibt fest in seinem Sitz.
Und was sind nun die Konsequenzen? Für mich bedeutet das, dass ich meinen Motor zulasse und bis zur nächsten großen Revision mit den Federringen in unbekannter Stellung fahren werde – und das mit einem guten Gefühl.
ABER! ABER? ABER: Das ist meine ganz persönliche Entscheidung, all das, was ich hier schreibe sind Informationen, Überlegungen und Gedanken, die ich gerne mit Euch teile. Sie sind für all die gedacht, die solche Überlegungen interessant finden und sich womöglich auch gefragt haben: „Ich weiß nicht, wie die Ringe stehen – soll ich meinen Motor öffnen oder zulassen?“. Diese Gedanken sind aber keine Handlungsempfehlung und erst recht keine Handlungsanweisung. Jeder muss für sich selbst die Entscheidung treffen, was er tun oder lassen will.
Ganz nach Moliere: Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, wir sind auch dafür verantwortlich, was wir nicht tun.
Bleibt gesund und immer eine unfall- und pannenfrei Fahrt! Das wünscht Euch
Euer Volker aus Wiesbaden
Die ausführlichen Gedanken zu diesem Problem findet Ihr hier:
P.S.: Wer ein bisschen mit den Funktionen spielen will und diese in einen Funktions-Plotter einsetzen möchte: Hier sind sie zum Kopieren, ich schreibe sie hier in den Post, weil ich nicht weiß, wie gut sie sich auch dem PDF herausdestillieren lassen:
s(t) lautet (das t ist hier ein x, weil der Plotter, den ich verwendet habe, unbedingt ein x als Variable haben will):
0,03075*(1-cos(628,3*x))+(0,102^2-0,03075^2*(sin(628,3*x))^2)^(0,5)-0,102
v(t) lautet:
0.03075*628.3*sin(628.3*x)-0.03075^2*628.3*sin(2*628.3*x)/(2*(0.102^2-0.03075^2*(sin(628.3*x))^2)^(0.5))
a(t) lautet:
0.03075*628.3^2*(cos(628.3*x)-0.03075*cos(2*628.3*x)/(0.102^2-0.03075^2*(sin(2*628.3*x))^2)^(0.5)-0.03075^3*(sin(2*628.3*x))^2/(4*(0.102^2-0.03075^2*(sin(628.3*x))^2)^(3/2)))
Achtet darauf, dass im Plotter das Winkelmaß auf Bogenmaß steht.
es ist schon etwas her, da wurde hier im Forum in einem anderen Diskussionsfaden unter anderem der Frage nachgegangen, wie die Kolbenclips oder Federringe am oberen Pleuellager einzubauen sind (dieser Faden ist hier zu finden: viewtopic.php?f=1&t=3099&start=40 ). Die Antwort auf die Frage lautet: Sie sind in „n“- oder auch in „u“-Stellung einzubauen, jedoch nicht in „c“-Stellung. Siehe Bild 1. Aus rein qualitativen Überlegungen lässt sich schnell verstehen, dass das auch einen Sinn ergibt. Die Kräfte, die durch die Kolbenbeschleunigung auf den Federring wirken, sind parallel zur Kolbenbewegung und können so am Federring am besten angreifen und diesen verformen, wenn er in „c“-Stellung eingebaut wird. Oder anders gesagt: In dieser Anordnung wirken die Beschleunigungskräfte parallel zu der Kraft, die man mit einer Zange ausübt, um den Ring zusammenzudrücken.
Also eigentlich ist der ganzen Diskussion nichts mehr hinzuzufügen. Federringe sind in „n“- oder „u“-Stellung einzubauen. Punkt. Aber ich habe „eigentlich“ geschrieben. Und das meine ich auch so. Denn: Was machen all die, die nicht wissen, in welcher Stellung die Federringe in ihren Motoren stehen? Manche von uns haben ihren Motor womöglich nie selbst geöffnet. Manche haben vielleicht nicht bewusst auf die Stellung der Ringe beim Zusammenbau geachtet, auch wenn sie sich penibel an die Montageanleitung gehalten haben. Denn da steht nur:
Von einer Vorzugsrichtung steht da nichts. Natürlich ist es möglich, dass die Sache mit der Stellung der Federringe jedem Motoreninstandsetzer – ob nun Profi oder Amateur – auf der Welt bekannt ist. Dass es also eine absolute Binsenweisheit ist. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass das so ist.
Aber zunächst kommt hier mein persönlicher Grund, warum ich über dieses Thema überhaupt nachgedacht habe: Ich habe zwei Heinkel im Fuhrpark. Bei einem weiß ich, dass die Federringe in „n“-Stellung eingebaut sind, das habe ich so bei der letzten Motorrevision gemacht. Allerdings mal ganz ehrlich: Ich fand es einfach so am Schönsten – über die Kräfte habe ich zum Zeitpunkt der Montage nicht nachgedacht. Glück ist also möglich. Aber beim zweiten Motor weiß ich das nicht, ich habe ihn nicht revidiert und seine Geschichte ist mir nicht im Detail bekannt. Ich weiß nicht, wie die Ringe stehen. Nachdem ich nun den oben genannten Diskussionsfaden gelesen habe und mir auch klar wurde, dass es handfeste physikalische Gründe gibt, die „c“-Stellung zu meiden, habe ich mir Gedanken gemacht, was ich nun tun solle. Soll ich den Motor öffnen und nachschauen? Oder ihn zulassen und hoffen, dass alles gut geht? Fahre ich dann womöglich mit einer tickenden Zeitbombe umher? Um zunächst das Öffnen und Nachschauen zu umgehen, habe ich versucht der Sache theoretisch, also rechnerisch, zu Leibe zu rücken. Und nachdem ich damit fertig war, dachte ich mir: Das könnte ja auch andere Heinkel-Fahrerinnen und Heinkel-Fahrer interessieren, daher schreibe ich heute diesen Post. Die umfassenden Rechnungen und grundlegenden Überlegungen zu diesem Problem findet Ihr im Anhang. Hier will ich nur den Ansatz und die Ergebnisse skizzieren.
Die Idee ist folgende: Zunächst wird mit einer geeigneten – nun, nennen wir sie großspurig – „Messvorrichtung“, die Kraft bestimmt, die nötig ist, den vorgespannten Federring im Kolben zu verformen. Siehe dazu Bild 2. Wir werden dann im weiteren Verlauf der Überlegungen sehen, dass nicht die gemessene Kraft die interessante Größe ist, sondern das Drehmoment um den Punkt D, welches durch diese Kraft entsteht. Siehe Bild 3. Details dazu auch im Anhang.
Dann folgt der zweite Teil der Überlegung: Aus der Motorgeometrie und der maximalen Drehzahl wird die Kolbenbeschleunigung berechnet. Mit dieser Beschleunigung und mit den physischen Daten des Federrings (Masse, Größe und Geometrie), lässt sich dann die Kraft oder eben genauer das Drehmoment um den Punkt D im Betrieb des Motors berechnen. Dann werden die beiden Werte (aus statischer Messung und aus der Berechnung über die Kolbenbeschleunigung) verglichen und Rückschlüsse gezogen.
Da das Ganze hier kein Krimi werden soll, will ich Euch gar nicht lange auf die Folter spannen.
In Bild 3 seht Ihr den Federring. Die wichtige Größe, die den Ring verformt, ist das Drehmoment um den Punkt D. Das sieht man auch an der Verformung des Ringes.
Statisch mit der Messvorrichtung ergibt sich hier ein Drehmoment um den Punkt D von M_s = F_s * k = 21,6 N * 0,013 m = 0,28 Nm.
Die maximale Kolbenbeschleunigung bei 6000 U/min ergibt sich a_max = 15799 m/s^2. Mit der Geometrie des Ringes und seiner Masse ergibt sich dann rechnerisch ein Drehmoment um den Punkt D von M_d = 0,062 Nm.
Vergleich der beiden Werte: Das Drehmoment M_d durch die Kolbenbeschleunigung ist also weniger als 1/4 so groß, wie das statisch bestimmte Drehmoment M_s.
Was heißt das nun? Das heißt, dass die Kolbenbeschleunigung den Federringen in unseren Heinkel-Maschinen an sich nichts anhaben kann, egal wie sie eingebaut sind. Der Ring – so er in „c“-Stellung eingebaut ist – verliert zwar ein wenig an Vorspannung, aber verformt wird es nicht. Er bewegt sich nicht, bleibt fest in seinem Sitz.
Und was sind nun die Konsequenzen? Für mich bedeutet das, dass ich meinen Motor zulasse und bis zur nächsten großen Revision mit den Federringen in unbekannter Stellung fahren werde – und das mit einem guten Gefühl.
ABER! ABER? ABER: Das ist meine ganz persönliche Entscheidung, all das, was ich hier schreibe sind Informationen, Überlegungen und Gedanken, die ich gerne mit Euch teile. Sie sind für all die gedacht, die solche Überlegungen interessant finden und sich womöglich auch gefragt haben: „Ich weiß nicht, wie die Ringe stehen – soll ich meinen Motor öffnen oder zulassen?“. Diese Gedanken sind aber keine Handlungsempfehlung und erst recht keine Handlungsanweisung. Jeder muss für sich selbst die Entscheidung treffen, was er tun oder lassen will.
Ganz nach Moliere: Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, wir sind auch dafür verantwortlich, was wir nicht tun.
Bleibt gesund und immer eine unfall- und pannenfrei Fahrt! Das wünscht Euch
Euer Volker aus Wiesbaden
Die ausführlichen Gedanken zu diesem Problem findet Ihr hier:
P.S.: Wer ein bisschen mit den Funktionen spielen will und diese in einen Funktions-Plotter einsetzen möchte: Hier sind sie zum Kopieren, ich schreibe sie hier in den Post, weil ich nicht weiß, wie gut sie sich auch dem PDF herausdestillieren lassen:
s(t) lautet (das t ist hier ein x, weil der Plotter, den ich verwendet habe, unbedingt ein x als Variable haben will):
0,03075*(1-cos(628,3*x))+(0,102^2-0,03075^2*(sin(628,3*x))^2)^(0,5)-0,102
v(t) lautet:
0.03075*628.3*sin(628.3*x)-0.03075^2*628.3*sin(2*628.3*x)/(2*(0.102^2-0.03075^2*(sin(628.3*x))^2)^(0.5))
a(t) lautet:
0.03075*628.3^2*(cos(628.3*x)-0.03075*cos(2*628.3*x)/(0.102^2-0.03075^2*(sin(2*628.3*x))^2)^(0.5)-0.03075^3*(sin(2*628.3*x))^2/(4*(0.102^2-0.03075^2*(sin(628.3*x))^2)^(3/2)))
Achtet darauf, dass im Plotter das Winkelmaß auf Bogenmaß steht.