Sehr geehrte interessierte Heinkel-Analysten,
das Thema ist nun nicht mehr einfach und trivial, sorry dafür, es geht schon etwas ins Thema Konstruktionsprinzipien und Auslegung von Wellenlagerungen. Das ist jetzt die 3. Überarbeitung, ich hoffe es ist verständlich. Anmerkung: Einfach runterlesen wie ein Roman geht wahrscheinlich nicht, auch weil meine didaktischen Fähigkeiten hierzu nicht ausreichen.
Ich versuche die Kurbelwellenlagerung (Kurbelwelle = KW) zu erklären. Da muss ich zuerst etwas Theorie bemühen. In dem Link könnt Ihr nachlesen, welche Passungsarten es gibt, d.h. es geht um die Definition von Spielpassung, Übergangspassung und Übermaß- oder Presspassung, wichtig ist hier die Übergangspassung.
Das Thema Fest-Loslagerung ist in dem obigen Beitrag von mir verlinked! Bitte beide Links, den untenstehend und den obigen lesen um das zu verstehen, sonst klappt das nicht mit der Beschreibung:
https://www.technisches-zeichnen.net/te ... sarten.php
Noch was elementar Wichtiges: Es ist sicherzustellen, dass keine Drehungen der Außen- oder Innenringe in den Gehäusesitzen entstehen, sondern alle Drehbewegungen IM Lager stattfinden. Die Lagersitze würden verschleißen.
Zuerst kurz zur KW-Lagerung
links, das ist der einfachere Fall: Diese Lagerung ist bezogen auf den Außenring als Übergangspassung toleriert, wobei die Toleranz so gewählt ist, dass sich der Außenring nicht im Gehäuse im Betrieb drehen kann. Hier ist die Wärmeausdehnung der beiden Werkstoffe Alu beim Gehäuse und Stahl beim Kugellager zu berücksichtigen. Zur Montage muss das Gehäuse warm gemacht werden, weil sich Alu mehr ausdehnt als Stahl und somit beim Erwärmen das Spiel vergrößert und das Lager montiert werden kann. Das sind nur ganz wenige hundertstel Millimeter. Axial ist das Lager mit 2 Seegerringen fixiert. Das linke KW-Lager ist das axiale Festlager.
Zum KW-Lager
rechts: Da ist auch von der Auslegung Gehäuse zu Außenring des Lagers eine Übergangspassung, da sich im Betrieb der Außenring nicht drehen darf. Der Innenring ist als Presspassung auf der KW, weshalb man auch einen Abzieher braucht, um es zu demontieren. Dieses Lager ist axial
nicht Seegerringen im Gehäuse fixiert, sondern der Außenring lässt sich bei der Montage ins Gehäuse schieben, weil das Gehäuse für die Montage erwärmt werden muss und sich somit ausdehnt. Es ist sozusagen das axiale Loslager. So ist es jedenfalls, wenn das Gehäuse in guten Zustand ist, es gibt aber auch ausgelutschte Gehäuse.
Bei der Montage der KW wird die kalte KW in das warme / heiße rechte Gehäuse eingelegt. Laut Montageanleitung soll eine Fühlerlehre von 0,3 mm unterlegt werden. Ernst (Heinkel) schreibt dies vor, damit die KW-Wangen nicht auf dem Alu aufstehen, sonst sehe ich keinen Grund dafür. Wenn nun die Motorhälften zusammengefügt sind und das KW-Ritzel links für die Primärkette mit der Mutter angezogen wird, dann zieht man die KW nach links und verschiebt das rechte KW-Lager im rechten Gehäuse.
Tipp: Um dies für die rechte Gehäusehälfte „angenehmer“ zu machen, erwärme ich das rechte Gehäuse vor dem anziehen, dann rutscht es besser.
Nun kommen wir zum Betrieb und zu den thermischen Ausdehnungen im Betrieb. Aluminium dehnt sich stärker aus als Stahl. Dies ist zu berücksichtigen. Man kann nun denken, dass das rechte KW-Lager sich immer etwas hin und herschiebt, weil es ja axial ein Loslager ist, um die thermischen Ausdehnungen auszugleichen. Nein, dem ist nicht so. Sondern diese Ausdehnungen werden komplett von den C3-Lagern aufgenommen. (Anmerkung: C3-Lager sind Lager mit erhöhter Lagerluft, diese sind hier unbedingt zu verwenden, CN-Lager oder Lager mit normaler Lagerluft funktionieren nicht lange!).
Hier ein Link zur Erklärung der verschiedenen Lagerklassen:
https://www.kugellager-express.de/Lager ... riebsspiel
Ich habe das mal nachgerechnet und mit den entsprechenden axialen Toleranzen in den Lagern im Vergleich zu den thermischen Ausdehnungen im Betrieb für die Yamaha XT 600. Es funktioniert.
Kleiner Ausflug in die Yamaha-Einzylinderwelt der XT 600. Wenn man hier Normallager oder CN-Lager nimmt, sprengt man das Motorgehäuse nach ca. 200 – 300 km wegen der thermischen Ausdehnung. Ob der Heinkel da auch so empfindlich ist, weiss ich nicht, aber man muss es nicht ausprobieren.
Beim Heinkel ist es so, dass im Betrieb alle Ringe der Kugellager „fest“ im Gehäuse sind und die Wärmeausdehnungen über die C3-Lager ausgeglichen wird. Deshalb ganz wichtig, C3-Lager (gibt es beim Club) verwenden und keine CN oder normalen Lager, die man vielleicht im Geschäft „geschenkt“ bekommt.
Ich fasse zusammen:
Links: Axiales Festlager, mit 2 Seegerringen fixiert. Innenring über die Verschraubung auf der KW fixiert (kein Verdrehen im Betrieb Innenring zu KW-Stumpf), Außerring über die Toleranz als Übergangslager auf Verdrehen gesichert.
Rechts: Axiales Loslager in Bezug auf die Montage, Innenring des Lagers als Presspassung auf der KW fixiert, Außenring als Übergangspassung im Gehäuse.
Wichtig: Es funktioniert nur bei der Verwendung von C3-Lagern!
Fragen? Anregungen? Meinungen? Ich freue mich auf eine rege Diskussion. Lest es bitte genau durch und berichtige mich, falls was falsch oder missverständlich ist.
Gruß Henning