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Überholten Motor einfahren

Verfasst: 09.05.2013, 01:10
von BerndSt
Hallo Heinkelfreunde,

nach der (langen und letztlich erfolgreichen) Winterrevision meines A1 stellt sich mir nun die Frage nach einer "vernünftigen" Einfahrphase.

Selbstverständlich habe ich bereits das Forum durchsucht - und darin Tipps gefunden, die von einer Einfahrphase von "ein paar Hundert Kilometern" bis zu (weit) über 1000km sprechen (besonders nett fand ich den Hinweis in einem Thread, dass Klemmer irgendwie zu einer erfolgreichen Einfahrphase gehören... :wink: ). Für einen fabrikneuen Touristen empfahlen die Heinkel-Werke 1000 Einfahrkilometer (und längere Vollgasfahrten erst nach 2000 Einfahrkilometern) - auch das habe ich natürlich im Handbuch gelesen.

Konkret interessieren mich nun Eure Meinungen und Eure Erfahrungen, was unter den folgenden Bedingungen die richtige Menge an "Einfahrkilometern" wäre (Ziel ist dabei, dass ich nach dem Ende dieser Einfahrphase wieder halbwegs bedenkenlos lange Autobahnstrecken mit hohen Vollgasanteilen fahren kann):

- Zylinder "neu" vom Club (61er Übermaß)
- Kolben gebraucht (NÜRAL, ziemlich guter Zustand, naturgemäß aber in dem neuen Zylinder noch nicht gelaufen)
- Kolbenbolzen neu (vom Club)
- Kolbenringe neu (vom Club)
- Zylinderkopf vom Fachmann generalüberholt, bisher aber noch nicht gemeinsam mit der "neuen" Zylinder-Kolben-Kombination gelaufen (falls das wichtig ist: der Zylinderkopf wurde nicht auf bleifrei umgebaut, ich fahre stattdessen den Bleifrei-Zusatz vom Club)
- im Rahmen der Revision wurde das Verdichtungsverhältnis durch Materialabtrag am Zylinder und den Einbau einer dünnen Kupferkopf- und Alufußdichtung auf 7,9 : 1 angehoben

Ansonsten wurde der Motor bei dieser Winterrevision nicht verändert. Kurbelwelle, und Ventiltrieb/Nockenwelle/Schlepphebel sind geblieben, wie sie waren. Auch der Primärtrieb (Kette und Zahnräder) und der Sekundärtrieb (Kette und Zahnräder) wurden nicht ausgetauscht (das war alles noch in sehr gutem Zustand). Die Kupplung ist (weitgehend) neu, das Getriebe ist unverändert.

Ich stelle mir vor, dass 500km genügen sollten, um die neue Zylinder-Kolben-Kolbenring-Kombination (nach den Einfahrvorschriften aus dem Handbuch) gut einzufahren. Liege ich da halbwegs richtig, oder ist das Eurer geschätzten Meinung nach zu wenig?

Viellicht als Zusatzinformation noch wichtig: Ende Mai möchte ich eine größere Reise quer über die Alpen nach Triest (und möglichst auch wieder zurück :D ) unternehmen - mit Sozia und Gepäck. Und im Juni will ich über ein verlängertes Wochenende mal eben an den Gardasee düsen - hin und zurück aus Zeitgründen im wesentlichen "am Stück" und über die Autobahn.

Ich bin gespannt, welche Vorschläge Ihr für mich habt und bedanke mich dafür schon mal im voraus.

Viele Grüße,
Bernd

Re: Überholten Motor einfahren

Verfasst: 09.05.2013, 12:11
von Bernd Hünten
Hallo Bernd!
Ich sehe da ein großes Problem zwischen dem gebrauchten Kolben und dem "neuen" Zylinder. Jeder Kolben braucht einen bestimmten Abstand zum Zylinder im hundertstel Bereich; italienische einen größeren als die deutschen. Ist dieses Spaltmaß zu eng, kommt es bei Belastung garantiert zum Klemmen oder Fressen; ist das Spaltmaß zu groß, hast du Geräusche und mehr Verschleiß. Meine Zylinderschleiferei sagte mir immer: ohne den Kolben zu sehen, schleifen wir nicht!
Ich würde Kolben und Zylinder vom Fachmann ansehen und vermessen lassen und erst nach dessem O.K. an den Einbau gehen.
Ein neuer Kolbenbolzen in einem alten Kolben, das ergibt neue Probleme: wie stramm/locker sitzt der Bolzen im Kolben bzw. im Pleuelauge? Muss da nachgearbeitet oder ausgetauscht werden?
Wie ist der Zustand der Kurbelwelle bzw. das Kippspiel des Pleuels?
Sollte das alles in Ordnung sein, würde ich ihn verhalten ca. 300 km fahren. Ich habe mich nie sklavisch an die 70 er Einfahrbegrenzung gehalten sondern den Motor für eine kurze Zeit immer mal etwas höher drehen lassen und das langsam gesteigert. Dabei, wie es in der Anleitung steht, den Motor drehen nicht ziehen lassen!
Dauervollgas kann der Heinkel zwar nach eigenen Erfahrungen ab, aber auch da würde ich mich erst langsam herantasten und auf das Motorgeräusch achten.
Viel Glück!
Bernd

Re: Überholten Motor einfahren

Verfasst: 09.05.2013, 12:33
von Stephan
Hallo Bernd,

schau Dir mal in "Besser machen" von Carl Hertweck" - ein Klassiker für Motorradfahrer - das Kapitel über Einfahren an, sehr interessant, einleuchtend und aufschlussreich.
Hiernach ist das einzige was sich an einem Motor einläuft, die Kolbenringe im Zylinder- alle anderen Flächen sind bereits so (oder sollte es sein ;-) ), dass da nichts mehr einläuft.
Und das Einlaufen der Kolbenringe dauert keine 1000km.

Aus meiner Erfahrung ist das richtige (und vor allem nicht zu enge) Spiel zwischen Kurbelwelle und Kolbenbolzen sehr wichtig.
Auch auf das Spiel der Kipphebelbuchsen und die richtige Ausdistanzierung der Kipphebel sollte man achten, sonst schleifen die Stösselstangen.

Und ja- das Spiel zwischen altem Koben und neu ausgeschliffenem Zylinder sollte passen.
Wenn die Werte des Kolbens und das Spiel zum Zylinder passen, der Kolben keine oder überarbeite Laufspuren hat, in derselben Laufrichtung wieder eingebaut wird - warum nicht mit neuen Ringen einbauen ?

Trotzdem: Sorgsam warmfahren und beobachten ob der Motor rund läuft, richtig Gas annimmt, heiss wird und Kontrolle der Verbrennung (Zünkerze) in den ersten 100km ist bei einem überholten Motor wohl zu empfehlen.

Wenn alles stimmt kannst Du ja die Geschwindigkeit langsam steigern.


Grüße
Stephan

Re: Überholten Motor einfahren

Verfasst: 10.05.2013, 00:22
von BerndSt
Hallo Bernd und Stephan,

vielen Dank für Eure Hinweise, die ich beherzigen werde. Ich habe mittlerweile etwas über 200 "Einfahrkilometer" auf der Uhr und mich dabei im wesentlichen an die Vorgaben des Handbuchs gehalten. Nicht schneller als 70 (OK, zugegeben, manchmal ein bisserl schneller - aber was willst Du machen, wenn Du von zwei Blondinen im MG-B verfolgt wirst und Dir keine Blöße geben möchtest :wink: ), die Gänge nicht voll ausdrehen, möglichst viele Drehzahlwechsel und wenige "Dauerstrecken" mit gleichbleibender Drehzahl, viel und frühzeitig schalten - bis jetzt ist das recht gut gegangen.

Ich werde dem Motor noch einmal um die 250km EInfahrzeit spendieren und dabei die Geschwindigkeit langsam steigern. Eine erste, kurze Vollgasfahrt habe ich nach 200km gewagt und bin dabei (gemessen mit dem Navigationsgerät) auf 90km/h gekommen. Das ist für's erste schon recht vielversprechend (zumal die endgültige Vergaserabstimmung noch aussteht).

Zu Euren Hinweisen bzgl. der Toleranzen bei den einzelnen Teilen: Zylinder und Kolben wurden vom Fachmann ausgesucht, gemeinsam vermessen und für passend befunden. Dem Mann vertraue ich, das sollte schon richtig sein. Der neue Kolbenbolzen ließ sich "schmatzend" einsetzen (sowohl im Pleuelauge als auch im Kolben) - mit viel Öl eingebaut, konnte ich ihn ohne Zuhilfenahme von Werkzeug, aber doch mit leichtem Kraftaufwand "händisch" eindrücken - das dürfte also auch (hoffentlich) einigermaßen stimmen. Und (bevor jemand aufschreit): ja ich weiß, dass diese Angabe keine Micrometerschraube ersetzen kann...

Temperaturmessungen an Zylinder und Zylinderkopf stehen noch aus - habe ich aber bereits auf meiner To-Do-Liste. Ich gehe davon aus, dass um die 150°C Kopftemperatur in Ordnung wären. Sehe ich das richtig?

Die Kerze kontrolliere ich regelmäßig - leider habe ich derzeit noch das Problem, dass der Motor zu fett läuft. Die Vergasernadel ist bereits in der obersten Kerbe eingehängt und für die mittleren Drehzahlbereiche nähere ich mich damit einem "vernünftigen" Kerzenbild. Das Standgas ist noch zu fett - die nächsten Tage bekomme ich eine 30er Leerlaufdüse, das sollte noch einmal etwas bringen (mit der 35er werde ich irgendwie nicht glücklich, obwohl die für meinen Vergaser an sich korrekt sein sollte). Und die Volllast-Tests kann ich derzeit noch nicht machen - die müssen bis nach dem Ende der Einfahrphase warten. Sicher ist aber schon jetzt, dass die bisherige 115er Hauptdüse zu groß ist (neuer Club-Vergaser BING 1/22/197) - beim alten Motor war die OK, der hatte aber auch 200ccm. Für den "neuen" 175ccm-Zylinder wird es wohl eher eine 105er sein müssen (sh. auch den derzeit laufenden Thread zum "neuen Club-Vergaser").

Und speziell noch an Bernd: bei einem neu aufgebauten Motor achtet man doch eigentlich permanent auf die Motorgeräusche, oder? :wink: Immer irgendwo zwischen Hoffen und Bangen und jedesmal mit einem kurzen Herzstillstand, wenn irgendwo etwas rappelt (meist ein kleiner Stein, der unten an das Trittbrett flog). :lol: Ich bin diesbezüglich sowieso eher ein "Schisser"und "höre das Gras wachsen" :)

Viele Grüße,
Bernd

noch´n Tipp: 2Takt-Oel 1:250

Verfasst: 27.05.2013, 13:48
von hajueeich
Hallo zusammen,

irgendwie vermisse ich hier noch den Tipp, 2-Takt Oel im Verhältnis 1:250 beizumischen.
Diese Menge (~ 50 ml auf eine Tankfülluung) legt einen sehr dünnen Schutzfilm über die beweglichen Teile und ist dennoch so gering, dass es zu keiner Abgasrauchbildung führt.

Einige fahren das auch im Alltag als Bleiersatz, hier verweise ich mal auf Ptengs Heinkelseiten.

HaJue

Erledigt: Überholten Motor einfahren

Verfasst: 27.05.2013, 14:11
von BerndSt
Hallo Heinkelfreunde,

hier noch die "letzten Worte" zum Einfahren meines generalüberholten Motors.

Mittlerweile sind 800km auf der Uhr und ich habe die Einfahrzeit jetzt beendet. Der Motor läuft prima - allerdings habe ich nach ca. 300km doch noch den 22er Club-Vergaser gegen einen originalen 20er Bing getauscht. Nach den Einstellarbeiten des Vergasers und div. Probefahrten habe ich jetzt ein lehrbuchmäßiges rehbraunes Kerzenbild in allen Betriebsarten.

Die Kopftemperatur beträgt nach "scharfer" Fahrt über eine längere Strecke 140 bis 150°C - gemessen am Kerzenloch. Innen gemessen (durch den Öleinfülldeckel) liegt die Temperatur ca. 10°C niedriger.

@HaJue: im letzten Jahr fuhr ich den Motor mit 2-Takt-Öl als Zugabe (im Verhältinis 1:240). Für den "neuen" Motor bin ich jetzt aber doch auf Bleifreizusatz umgestiegen (von der Ersatzteil GmbH). Was nun im Endeffekt die bessere Lösung ist, kann ich nicht sagen, dürfte wohl beides gehen. Bei 2-Takt-Öl sollte man m.W. nur darauf achten, dass man mineralisches Öl nimmt und kein modernes synthetisches.

Danke für Eure Unterstützung und die guten Tipps,
viele Grüße,

Bernd