Moin!
cocopelli hat geschrieben:- Der Sinn für Ästhetik, filigrane und Formen fehlt vollkommen.
- Der Stolz, seine eigene Arbeit GUT gemacht abzugeben, fehlt vollkommen. Dementsprehend sind alte Dinge wenig begehrenswert.
(...)
- Behandelt sie pfleglich, aber verwendet sie wofür sie gebaut sind.... zum Benutzen!
Cocopelli trifft den Nagel auf den Kopf. Es geht nicht um das Alter eines Heinkels, noch um das Alter des potentiellen Besitzers, sondern schlicht um Qualität.
Wer in seinem Leben, aus welchen Gründen auch immer, ein Bewusstsein für Qualität entwickelt hat, sieht über kurz oder lang alles (nicht nur Technik) als Alterslos an; steht sein ganzes Leben unter diesem Motto, beginnt er auch sein eigenes Alter zu vergessen. Stattdessen sucht der Mensch Werte in der Übereinstimmung in Form und Inhalt - er nähert sich Allem mit der Frage, ob hier ein "Ding" vorgibt etwas anderes zu sein als es wirklich ist.
Die meisste Alltagstechnik war in den 70ern fertig. Da gab es nichts weiter zu verbessern. Klar - sind neue und berechtigte Technologien dazugekommen, aber die reichten keinem Hersteller als Verkaufsargument aus. Zur Absatzsicherung, als Reklameargument den Konkurrenten zu übertreffen, brauchte man mehr als nur den gewöhnlichen technischen Fortschritt - nein, man musste Dinge erfinden die kein Mensch braucht und Menschen formen, die diese Unterschiede nicht mehr erkennen. Das ist sehr gelungen.
Wenn Begriffe wie "Werteverlust" in der Gesellschaft auftauchen, so sind dies keine hohlen Worte. Irgendwo habe ich mal gelesen, Tradition sei nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe der Glut. Das erklärt, warum ich mich in letzter Zeit mehr und mehr mit Vorstellungen von Tradition und Kultur auseinandersetze. Natürlich ist es eine Altersfrage. Natürlich braucht man eine Gewisse Reife um (von sich aus) in ein solches Leben hineinzuwachsen. Gute Erziehung wäre hier natürlich auch eine Alternative.
Ich sehe natürlich, dass vielen Menschen ein solches Denken gleich zum Kult wird. Wandelt man aber Fahrkultur, so wie Cocopelli sie beschreibt, und in welcher auch der Grund zu finden ist, warum ich meine Kabine mit Maschinenfarbe und Pinsel lackiert habe (früher undenkbar für mich) in Kult (und das tun viele), so wird der Veteran zum goldenen Kalb, verschwindet von der Strasse durch die Garage in die Vitrine. Man nimmt dem Objekt seine Qualität.
So stehe ich - am Rande bemerkt - in einem ständigen (Aber nicht ernstgemeintem) Streit mit meinem Nachbarn, der die Heinkel Trojan am liebsten zu seinen (Hunderten?) von Modellautos ins Regal stellen würde. Zumindest den Winter über.
Seltsamerweise ist es im vollkommen egal, wie ich meinen Traktor, ebenfalls aus den 50ern, im normalen Arbeitseinsatz behandele.
Aber dass ich die Trojan mit Maschinenfarbe (für z.B. Traktoren) male, weil ich weiss: Ich schramme sowieso an Büschen vorbei und werde mit der Trojan vermutlich einen noch höheren Anteil an Kieswegen fahren wie mit der Gummikuh, dass jetzt, gerade im Herbst, die Kabine schon eingematscht ist, wenn sie nur den Hof verlässt... all das wird als Übel angesehen.
Doch die Qualität liegt nun mal in der Alltagstauglichkeit.
Da diese Tauglichkeit (darüber braucht man wohl nicht lange zu diskutieren) heute in den wenigsten Produkten zu finden ist, wendet sich der Suchende ganz automatisch zu althergebrachtem. Das Ästhetikempfinden, passt sich im Umgang mit den Gegenständen ganz automatisch an - Zeitlos, eben.
Die Frage ist nur: Wie schafft man Suchende?
Wie weckt man in der Gesellschaft neuerlich Bedürfnisse für Qualität?
Grüsse Ralf